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Warum die Große Transformation eine Gemeinwohl-Ökonomie braucht

Gastbeitrag von Prof. Dr. Bernd Fittkau, Wissenschaftlicher Beirat der Gemeinwohlökonomie, Hamburg

 

Der Einladung zu einem Gast-Beitrag auf dem Blog "Zukunftskunst" bin ich sehr gerne nachgekommen, weil wir von der Gemeinwohl-Ökonomie-Bewegung davon überzeugt sind, dass eine gesellschaftliche Transformation nur gelingen kann, wenn die verschiedenen Akteure, die eine solche weltweite Transformation für wichtig, ja notwendig, halten, sich vom sozialen Grundwert der „Kooperation“ leiten lassen. Die „sozialen Beiträge“ zur Großen Transformation der mit 8 Jahren noch recht jungen globalen Bewegung der Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ) können sich durchaus sehen lassen (s.u.).

 

Ich möchte die Frage, warum die GWÖ unbedingt in das Buch „Die Große Transformation“ gehört hätte, aus vier Perspektiven beantworten:

(1) einer historischen

(2) einer personalen

(3) einer pragmatischen

(4) einer pionier-funktionalen.

 

(1) Die kultur-historische Grundlage der GWÖ

Beginnen wir mit Aristoteles. Dieser weitsichtige ethische Philosoph des klassischen Griechenlands hatte schon vor 2500 Jahren die Gefahr gesehen, die in der professionell betriebenen Ökonomie steckt: Er unterschied deshalb zwischen der „natürlichen Erwerbskunst“ (gemeinwohlorientierten Ökonomik zur menschlichen Bedürfnisbefriedigung) und der „widernatürlichen Erwerbskunst“ (Chrematistik = Gelderwerbs-Ökonomik zur Reichtums-Anhäufung; s. Wikipedia „Chrematistik). Aristoteles kann also als einer der kritischen Väter der GWÖ gelten. Er hat die Gefahr erkannt, die in dem kategorialen Denkfehler für das betroffene Sozialsystem steckt, wenn man (ökonomisches) „Mittel“ (= Geld) und (ökonomischen) Zweck (= Gemeinwohl, Gutes Leben für alle) vertauscht und den „Geld-Gewinn“ zum Ziel/Zweck/Maß wirtschaftlichen Handels und Erfolg macht.

 

Die exponentiell-eskalativen Auswirkungen dieses Denkfehlers (insbesondere im finanzwirtschaftlichen System) werden von vielen kritischen Ökonomen heute für die aktuellen Krisen-Szenarien und existenzgefährdenden Verwerfungen unserer Gesellschaftssysteme haupt- oder mit-verantwortlich gemacht. Auch die „Väter unserer Verfassungen“ haben den Zweck des Wirtschaftens als primär betont, nicht die Mittel: z.B. „Die gesamte wirtschaftliche Tätigkeit dient dem Gemeinwohl“, Bayrische Verfassung, Art.151).

 

Eine der Kardinalfragen jeder Großen Transformation lautet deshalb: „Wie kann eine solche (zwangsläufig) aus dem Ruder laufende Ökonomie ohne desaströse Krisen wieder gebändigt werden?“ Wie kann aus der aktuellen „Chrematistik“ eine echte „Ökonomie“ werden? Die GWÖ schlägt hierfür ein praktikables, demokratietaugliches Transformations-Design vor (s. „GWÖ“ in Sommer, Welzer: „Transformationsdesign“, 2014, S. 192 ff.).

 

(2) Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens engagieren sich ehrenamtlich für die GWÖ

Ich möchte hier aus nahe liegenden Gründen nur eine Persönlichkeit nennen (auf unserer Website www.ecogood.org/ findet man weitere): Ernst Ulrich v. Weizsäcker, der Gründungspräsident des Wuppertaler Instituts und Ko-Präsident des Club of Rome engagiert sich als Botschafter der GWÖ für deren gesellschaftlich Umsetzung.

 

Im aktuellen Club of Rome-Bericht „Wir sind dran – Eine neue Aufklärung für eine volle Welt“ (Weizsäcker, Wijkman 2017) lautet das Fazit (S. 378 ff.): „Die aktuellen Trends auf der Erde sind nicht nachhaltig und die üblichen Antworten auf die Herausforderungen neigen dazu, auf einer Art Wirtschaftswachstum aufzubauen, das fest an einen zusätzlichen Ressourcenverbrauch gebunden sind. … Das unvermeidliche Ergebnis sind ökologische Zusammenbrüche, lokal wie weltweit.… Es scheint unvermeidlich, eine neue Denkweise zu entwickeln und, wenn möglich, sich einer neuen Aufklärung zu unterziehen. Eines der Hauptmerkmale dieser Aufklärung ist das Gleichgewicht. Das Ziel ist eine ausgewogene Welt mit einer realistischen Harmonie zwischen den ökonomischen und den ökologischen SDGs (Das meint die 17 Nachhaltigkeitsziele der UN, die sich mit den Zielen der GWÖ in hohem Maße decken (s. Kasper 2018)). … Deshalb laden wir Geschäftsleute ein, das Gemeinwohl und die langfristige Perspektive im Gegensatz zu den vierteljährlichen Berichten über den oberflächlichen finanziellen Erfolg zu stellen … Wir laden die Wirtschaft ein, sich mit den politischen Entscheidungsträgern in Verbindung zu setzen, um den Rahmen für die Rentabilität zu ändern, so dass die Beiträge zum Gemeinwohl finanziell belohnt und nicht bestraft werden. Wir empfehlen Belohnungen (und Auszeichnungen) für beispielhaftes Verhalten“. Neben E. U. v. Weizsäcker fungiert eine Zwanzigschaft von Wissenschaftler*innen,Künstler*innen und andere Prominente als GWÖ-Botschafter*innen. Ergänzend gibt es allein für den deutschen Sprachraum ein Dutzend offizielle Sprecher*innen – allesamt ebenso ehrenamtlich wie die rund 3000 aktiv gewordenen Personen in 25 Staaten.

 

(3) Der Beitrag der GWÖ: Praxisschritte zur Umsetzung einer neuen Aufklärung

 Die besondere Stärke der GWÖ-Bewegung liegt in ihrer praktischen Umsetzbarkeit kulturhistorisch tief verwurzelter globaler Werte- und Lebens-Muster und ihre Überprüfbarkeit im hier-und-jetzt (s. Felber (2012): „Gemeinwohl-Ökonomie“; GWÖ kurz erklärt: www.youtube.com/watch?v=cVFvyd7SmxU). Ich möchte dazu aus einem aktuellen deutschsprachigen Faltblatt zur öffentlichen Vorstellung der GWÖ-Bewegung zitieren: „FÜR DICH UND MICH“ (2018): „Die Gemeinwohl-Ökonomie ist ein Wirtschafts-Modell, in dem ein gutes Leben für alle das oberste Ziel ist. Die Reformen sollen in demokratischen Prozessen entwickelt und in den Verfassungen verankert werden.

 

Kern des Modells ist, dass Unternehmen, die

• menschenwürdig,

• solidarisch und gerecht,

• ökologisch nachhaltig,

• demokratisch und transparent

agieren, in einer Gemeinwohl-Ökonomie im Vorteil sind – heute schon durch mehr Glaubwürdigkeit, in Zukunft auch durch rechtliche Anreize (z.B. niedrigere Steuern, günstigere Kredite, Vorrang bei öffentlichen Aufträgen oder Förderungen).

 

Wie wirkt sich das aus?

• Langlebige, nachhaltige Produkte setzen sich durch.

• Mehr Wertschöpfung bleibt in der Region.

• Gute und sinnvolle Arbeitsplätze entstehen.

• Der Umgang in den Betrieben wird menschlicher.

• Die Ungleichheit geht zurück.

• Umwelt und Klima werden global entlastet.

 

Aus der Idee der Gemeinwohl-Ökonomie ist eine bunte globale Bewegung entstanden. Weltweit gibt es mehr als 11.000 Unterstützer*innen, 2000 Aktive in über 100 Regionalgruppen, 30 Vereinen, 500 bilanzierten Unternehmen, ca. 50 aktive Städte und Gemeinden sowie 200 engagierte Hochschulen (Stand: 01/2018).

 

Wie funktioniert die Gemeinwohl-Ökonomie?

1. Unternehmen erstellen eine Gemeinwohl-Bilanz. (Die aktuelle Matrix 5.0 enthält die obigen 4 Gemeinwohl-Schlüsselwerte und die wichtigsten wirtschaftlichen Berührungsgruppen und damit 20 Themenfelder mit entsprechenden Plus- und Minus-Punkten, Gesamt max. -3.600 bis +1.000 Punkte sichtbar auf allen Produkten. Damit wird der Gemeinwohl-Beitrag jedes Unternehmens weitgehend objektiv messbar und kunden-transparent)

2. Alle Produkte erhalten ein Gemeinwohl-Label mit der Punktzahl. Konsumen*innen können dadurch bewusste Kaufentscheidungen treffen.

3. Die Politik verschafft Unternehmen mit hoher Punktzahl wirtschaftliche Vorteile. Gemeinwohl-orientierte Unternehmen können günstiger anbieten und können sich am Markt eher behaupten und durchsetzen.

 

Was tun wir als Gemeinwohl-Ökonomie-Bewegung?

Wir setzen uns für die Umsetzung der GWÖ-Idee in allen Bereichen der Gesellschaft ein. Ziel ist es, das Modell in einem partizipativen, demokratischen und ergebnisoffenen Prozess so weiter zu entwickeln, dass tatsächlich ein gutes Leben für alle ermöglicht – hier und anderswo, jetzt und in Zukunft, für Mensch, Tier und Natur.

1. Wir verbreiten die GWÖ-Idee. …

2. Wir testen die GWÖ-Idee in der Praxis. …

3. Wir verankern die GWÖ-Idee in der Politik. …

Mach aktiv mit! … Wir freuen uns auf Dich!“

 

(4) An welchen Stellen hätte die GWÖ die Große Transformation im Buch bereichert?

 Die bisherigen Ausführungen zeigen, dass sich die GWÖ als sozial-politische Bewegung versteht, die sich bemüht, den dynamischsten Bereich der gesellschaftlichen Transformationskräfte, die Wirtschaft, praktisch neu auszurichten und zu beruhigen. Hier erfüllt sie wichtige Pionieraufgaben. Insofern würde die Große Transformation, nicht nur im Buch, gewinnen, wenn an passenden Schnittstellen Hinweise zur GWÖ ergänzt und umgesetzt würden.

 

Dazu im folgenden und abschließend einige Vorschläge:

• Kap. 11: „Wohlstands- und Konsumwende“, wo der neue Club of Rome-Bericht (s.o.) und die „Donut-Ökonomie“ eingeführt werden.

• Kap. 18/19: „Zivilgesellschaft als Taktgeber der Großen Transformation“ und „Politik bewegen“ • Kap. 20: „Auf dem Weg zum nachhaltigen Unternehmertum“ – das zentrale Anliegen der GWÖ!

• Kap. 22: „Pioniere des Wandels als Motoren der Großen Transformation“, wo ja auch ein weiterer Botschafter der GWÖ mit seiner „Theorie U“ eingeführt wird, Otto Scharmer vom MIT.

 

Die Gemeinwohlökonomie ist eine gewaltige Chance und Motor für die Große Transformation!